St. Albertus Magnus Ottobrunn

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Predigten 1977

 
Kirchweihe am 2.10.1977 durch Kardinal Ratzinger
Zur Weihe der Pfarrkirche
von St. Albertus Magnus am 2.10.1977

 
Predigt des damaligen Erzbischofs von München und Freising, Joseph Kardinal Ratzinger

 

 

Liebe Brüder und Schwestern!

"Gottes Bau seid Ihr" dieses Wort des heiligen Paulus, das wir eben in der Lesung gehört haben, liegt der ganzen Einweihung der Kirche zugrunde. Sie will gleichsam dieses Wort ausfalten und in seiner Bedeutung sichtbar machen. Die eigentliche Kirche, die Stätte, an der Gott Wohnung finden kann, das sind wir Menschen, die Glaubenden. In den lebendigen Menschen kann Gott Wohnstatt finden. Das gebaute Haus stellt sozusagen das dar, was wir sind. Es kann nur Kirche sein, wenn wir Menschen es mit unserem Glauben, mit unserer Anbetung, mit Hoffnung und Liebe anfüllen, wenn die lebendige Kirche es Kirche werden lässt. Freilich, andererseits hilft uns dieses Haus, indem es uns sammelt, indem es uns zum Herrn hinführt, Kirche zu sein. Das Haus stellt uns dar, und die Kirchweihe will zeigen, wie gleichsam alle Elemente dieses Baues auf unser Christsein, seine Aufgaben und seine Wege verweisen. Ich möchte nur drei Elemente aus dieser Fülle der Zeichen herausgreifen: Die Kirche hat Mauern, sie hat Tore, und sie hat einen Grundstein, ein Fundament, eine Konstruktion, die das Ganze zusammenhält, das Außen und das Innen, das Oben und das Unten und es zu einem Bau macht.

Die Mauern

Die Kirche hat Mauern. Die Mauer liegt einerseits nach innen, sie ist da, um zu bergen, um zu sammeln, um zueinander zu führen. Ihr Sinn ist es, uns aus den Verstreuungen, in denen wir draußen leben, aus dem Gegeneinander, in das wir uns so oft verqueren zusammen zu führen, uns das Miteinander zu geben, uns einerseits in die Verantwortung des Einen für den Anderen zu führen und andererseits uns das Geschenk und den Trost des Mitglaubens, des Mitseins in dem Drama des menschlichen Lebens zu geben. Deswegen haben die Kirchenväter gesagt, Mauer seien wir letzten Endes selbst und können es nur sein, wenn wir bereit sind, wie Steine uns zurecht hauen zu lassen, uns ineinander fügen zu lassen und so gerade, indem wir uns behauen lassen, ineinander fügen lassen, aus dem bloßen Privaten herausziehen. Indem wir Mauer werden, können wir auch das Geschenk empfangen, Bau zu sein, getragen zu werden, wie wir tragen. Die Mauer blickt nach innen, sie ist etwas Positives, sie sammelt, schützt, vereint, aber sie hat auch dieses Andere: dass sie nach außen schaut, dass sie eine Grenze zieht, dass sie abhält, was nicht herein gehört.
Als auf dem Höhepunkt des Konzils dieser Gedanke immer fremder wurde und in dem Optimismus der neuen Öffnungen die Meinung entstand, es gäbe gar keine Grenzen, es dürfe gar keine geben, hat der evangelische Bischof Wilhelm Stählin uns daraus einen aufrüttelnden Vortrag gehalten unter dem Thema "Jerusalem hat Mauern und Tore" und er erinnerte uns daran, dass selbst die Heilige Stadt der Endzeit, die uns in der Geheimen Offenbarung entworfen wird, deren Tore immer offen stehen, Mauern hat. Dass es das gibt, was nicht hinein kann, nicht hinein darf, damit der Friede und die Freiheit dieser Stadt nicht zerstört werde. Und Johannes, der Apokalyptiker, deutet dies, wogegen die Mauern stehen, mit geheimnisvollen Worten an:

Er sagt: "Es kommen keine Hunde hinein, keine Mörder und keine Unzüchtigen". Stählin hat damals über die Frage, was heißt das "keine Hunde", nachgedacht und es ausgelegt gefunden in einem Wort des römischen Dichters Juvenal: "Summum crede nefas animam praeferre pudori". - "Halte es für höchstes Verderben, das Leben höher zu stellen als die Ehrfurcht". Das will sagen, die Ehrfurchtslosigkeit, der Zynismus, gehört nicht herein, dem nichts heilig ist, der sich nicht beugen, der nicht schweigen, der nicht verehren kann, der das Große in das Gemeine herabzieht, der die Würde nicht mehr kennt, dem nichts heilig ist, und der damit den Menschen in den Schmutz zieht und ihn gemein macht. Dagegen stehen die Mauern und sie stehen gegen die Götzendiener und was das heute heißt, wird aus einem Wort des heiligen Paulus klar, der einmal mit einer überraschenden Wendung, deren Wahrheit man erst nach einigem Nachdenken erfassen kann, geschrieben hat: Geiz, Habsucht ist Götzendienst. Denn er bedeutet ja, dass wir kein höchstes Wesen mehr über uns anerkennen, sondern dass das Höchste wird, uns ausleben zu können, dass die Habe das Höchste wird, dass wir vor der Habe, vor den Dingen knien und sie anbeten und dass wir damit die Schöpfung verkehren, das Oben zu Unten machen und den Frieden zerstören, weil dieser Gott die Habe, die Dinge, die wir anbeten, uns zerreißt. Und die Lüge darf nicht eintreten, die das Vertrauen zerstört, die die Gemeinschaft unmöglich macht und der Hass, die Gier dürfen nicht eintreten, die das Menschsein verletzen und von Grund her schänden. Dagegen stehen die Mauern der Kirche um die Stadt des Friedens, der Freiheit und der Einheit zusammen zu bauen.
Das führt uns wieder zu den Kirchenvätern und zu dem Ritus der Kirchweihe, indem ja die Wand behandelt wird als die Anwesenheit der zwölf Apostel. Die Heiligen sind die Mauer, die um uns stehen. Sie sind es, die undurchlässig sind für den Geist des Bösen, für die Lüge, für die Zuchtlosigkeit, für die Unwahrheit und den Hass und sie sind es, die zugleich Kräfte der Einladung sind, die durchlässig sind für alles, was gut und was groß und was edel ist. Die Heiligen sind Mauer und Tür zugleich und wir selber sollen ohne Heiligenschein in aller Nüchternheit solche Heilige sein, das heißt Menschen, die einander Mauer sind, Menschen die abhalten, was Menschsein und was der Nähe des Herrn zuwider ist und die weit offen stehen für alles, was Suchen, und was Fragen und was Hoffnung in uns heißt.

Die Tür

So reicht das Zeichen der Mauer mit dem der Tür in eins. Bevor der Bischof die Tür zur Kirchweihe betritt, hält er eine Torliturgie, wie dies ältester Überlieferung der Menschheit entspricht. Sie ist aus dem Beten und Glauben Israels übernommen, das wiederum die Torliturgie reinigend und verwandelnd aus den heidnischen Liturgien aufgenommen hat. Sie besteht darin, dass der Bischof das Zeichen des Kreuzes auf die Schwelle zeichnet und damit sichtbar macht: Die eigentliche Tür ist das Kreuz. Und nur, wenn wir in das Kreuz eingehen und nur, wenn wir mit dem Herrn herein gehen und nur, wenn wir bereit sind im Kreuz das uns nehmen zu lassen, was gottwidrig ist, ist die Tür offen und treten wir wahrhaft ein. Dann gehört zu dieser Torliturgie ein Sprechchor, der aus einer alten Torliturgie Israels in Psalm 24 übernommen ist, wo gesagt wird und damals vor dem Tempel im Wechselchor gesungen wurde:

"Wer darf hinaufsteigen auf den Berg des Herrn, wer betreten sein heiliges Zelt: Der, der lautere Hände hat und ein reines Herz, der den Anderen nicht übervorteilt, seinen Sinn nicht auf Eitles richtet und nicht falsch schwört".

So ist auch die Tür offen und geschlossen zugleich. Sie will hinaushalten, was dem widersteht, was Kirche ist, und sie will zugleich Einladung sein, selbst Tür zu werden und durch die Tür zu gehen, die Jesus Christus uns auf den Vater hin geworden ist. So oft wir die Kirche betreten, vollziehen wir ja nach altem Brauch eine abgekürzte Torliturgie. Wir nehmen das Weihwasser, kehren in unsere Taufe zurück, kehren in das Kreuz zurück, das die wahre Türe zum Herrn und damit zueinander ist, in die heilige Stadt Jerusalem, in die Kirche Gottes hinein.

Das Fundament

Und die Kirche hat ein Fundament, eine tragende Kraft, die das Ganze zusammenhält. Eure Kirche hier erinnert mich an ein Wort des heiligen Paulus, wo er davon spricht, dass durch diese Kraft die Sehnen und die Nerven und die Bänder zusammen gehalten werden. Wir sehen es hier gleichsam wie dies Ganze zueinander gebunden ist. Diese letzte tragende Kraft, der Grundstein und die Höhe zugleich, ist Christus. Der Herr ist hier vor unseren Augen dargestellt in einer bewegenden Weise, auf der einen Seite erkennen wir ihn als den Gekreuzigten, als den, der herunter steigt in die Last des Leidens und des Todes, als den, der Lehm wird, Adam wie wir. Die heilige Therese von Lisieux, deren Fest wir gestern gefeiert haben, hat einmal die Worte niedergeschrieben:

"Ich brauche ein Herz, das von Zärtlichkeit brennt, das ohne Rückhalt mich annimmt, das auch meine Schwächen liebt, das bei mir bleibt Tag und Nacht. Ich habe kein Geschöpf gefunden, das mich lieben könnte, ohne zu sterben. Ich brauche einen Gott, der meine Natur annimmt, der mein Bruder wird, und der leiden kann."

Diesen Sätzen dieser jungen Heiligen spürt man noch das Nachzittern dessen an, was sie als Kind erlitten hatte, wo ihr die über alles geliebte Mutter entrissen worden war, und dann der Reihe nach die beiden Schwestern, die Mutter geworden waren für sie. Immer neu der Zusammenbruch, die Vergänglichkeit der Liebe, ohne die wir nicht leben können, und die sie förmlich zerstört hatte. Man spürt noch das Aufschreien danach, dass es doch eine Liebe gebe, die mir niemand mehr nehmen kann und ein Herz, das immer da ist und mich immer versteht und an meinem Leid teilhat und die Erkenntnis, dass kein Geschöpf uns immer bleibt, dass wir den Gott brauchen, der zugleich Mensch ist, der Lehm wird, der leidet. Er ist es und er ist hier gleichsam in der Gebärde des Heruntersteigens, des Ankommens und dies ist zutiefst Kirche. Das Hereintreten, das Ankommen Gottes bei uns, das Hereingehen in den Lehm dieser Erde kommt hier zum Ausdruck. Aber zugleich ist er da, der Christus, der sich vom Kreuze löst, der aufsteigt in dem Lehm zu Geist und zu Herrlichkeit wird und hinein gehoben wird in Gott und wo wir ihm begegnen, dem Gekreuzigten, wird Abstieg zu Aufstieg, erhält unser Lehm Platz in der Herrlichkeit Gottes. Er ist der Punkt der Verwandlung. Wo er ist, da ist Wandlung. So sagt dieses Bild zutiefst uns aus, was Kirche ist, worum es hier geht: Dieses Ankommen Gottes bei uns und unser Ankommen bei ihm, durch das Wandlung geschieht, durch das aus Verzweiflung Hoffnung wird und inmitten des ewigen Entrissenwerdens aller Liebe, der Unverlässlichkeit aller Kreatur, die Zuverlässigkeit seines Bleibens auch in uns bleibt. Christus der Herr ist in unserer Kirche nicht nur als Bild da. Er ist wirklich da. Auf dem Altar vollzieht sich Tag um Tag dieses Heraussteigen aus dem Glanz der göttlichen Herrlichkeit, das Heraustreten und Hereintreten zu uns hin und das Aufsteigen in einem. Im Tabernakel ist der Altar sozusagen immer in Akt, immer lebendig, bleibt immer Eucharistie, immer das Hereintreten und das Hinaufsteigen Jesu Christi. Durch ihn ist Kirche immer Kirche und nie ein totes Haus, in dem augenblicklich nichts stattfindet, immer ist er da. So bitte ich Sie darum, dass Sie dessen auch eingedenk sind, und die Kirche immerfort als den Ort der Ankunft, in dem er auf uns wartet, anzusehen, als das Haus der Hoffnung und der Türen. Es war in den Jahrhunderten immer das Große und Schöne an unseren katholischen Kirchen, dass sie offen standen, dass die Tür wirklich Tür gewesen ist. Sie kann nur offen stehen, wenn wir selbst offen stehen und in unserem Leben immerfort eine Tür hinein führt zu ihm, wenn wir auch zwischendurch Zeit haben, für dieses Geheimnis seiner lebendigen Nähe. So wollen wir ihn bitten, dass dieses sein Ankommen uns trifft, dass es uns mitnimmt, verwandelt und uns wirklich zu lebendiger Kirche werden lässt.

Dieser Augenblick ist zugleich ein Augenblick des Dankes. Der Herr Pfarrer hat ihn schon ausgesprochen und ich möchte mich ihm ausdrücklich anschließen, all den Vielen, die ich nicht kenne, die daran gewirkt haben, dass hier ein solches Gotteshaus aus Stein und aus lebendigen Menschen im Einklang entstehen konnte und ihm selber danken, für die Mühe, die er in dieser Zeit auf sich genommen hat. Nun hat sie ihren liturgischen Abschluss gefunden, der zugleich eine Eröffnung, eine offene Tür in ein Neues hinein ist, nun findet sie auch ihre rechtliche Vervollkommnung, indem ich jetzt diese Pfarrkuratie zur Pfarrei erhebe.

(Es folgt der juristische Teil der Pfarrerhebung)
Predigt: Tonbandnachschrift (Vom Autor nicht durchgesehen)

 
 
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Last updated 11.01.10