|
Im Mittelpunkt des Hungertuches 1998 steht ein spätmittelalterliches
Meditationsbild aus dem Umfeld des Hl. Nikolaus von Flüe; es entstand im
15. Jahrhundert in der Schweiz.
Mittelpunkt des Meditationsbildes ist Christus, umgeben
von hellen Strahlen, die auf ihn hinweisen oder von ihm ausgehen: Von
Christus aus, der das Haupt ist, wird alles zusammengehalten; von ihm geht
alles aus, auf ihn läuft alles zu.
Die sechs Medaillons zeigen in ihrer Abfolge (im
Uhrzeigersinn, beginnend unten in der
Mitte) die im Neuen Testament berichtete Heilsgeschichte: Von der
Verkündigung an Maria bis zur Kreuzigung Jesu, mündend in das Leben der
Kirche in der Nachfolge Jesu (hier die Eucharistiefeier). In den
Medaillons des alten Meditationsbildes weisen Symbole hin auf die
"Werke
der Barmherzigkeit" der christlichen Tradition (Mt 25,31-46;Tob 1,17):
 | Hungrige speisen |
 | Durstigen zu trinken geben |
 | Nackte bekleiden |
 | Fremde beherbergen |
 | Gefangene erlösen |
 | Kranke besuchen |
 | Tote begraben |
|
Jeweils zwei Medaillons werden von
einem Evangelistensymbol berührt: Ausdruck dafür, dass das ganze
Bild vom Evangelium her begründet und inspiriert ist.
Die Botschaft dieses spätmittelalterlichen Bildes ist die innere
Einheit von Gottes- und Nächstenliebe, von Glaube und sozialem
Engagement. Die Hinwendung zu Gott und die Hinwendung zu den
Mitmenschen können nicht voneinander getrennt werden, weil sie
auseinander hervorgehen: Aus dieser christlichen Glaubenserfahrung
lebt auch die Arbeit des Werkes Misereor:Die neuen Bilder
schreiben die Dynamik des alten Meditationsbildes in unsere
Gegenwart hinein weiter. Mit den Mitteln unserer Zeit, nämlich
eindrucksvollen Fotografien, wird die aktuelle Lebenswirklichkeit
von Menschen in der "Einen Welt" ins Bild gebracht. Der lebendige
Christus hat nicht nur mit den Geschichten und Handlungen der
Vergangenheit zu tun, sondern auch mit der Wirklichkeit unserer
heutigen Welt.
Die vier neuen Motive greifen Rahmenbedingungen auf, auf die
Misereor immer wieder in seiner Arbeit stößt. Sie sind
mitverantwortlich für Ausmaß und Formen von Armut und
Ungerechtigkeit, mit denen das konkrete Handeln in der Nachfolge
Jesu konfrontiert wird: wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeit,
gewaltsame Konflikte, die Zerstörung der natürlichen
Lebensgrundlagen und die Benachteiligung der Frauen.
Diese Bilder des Hungertuches stehen daher auch für die
"Taten der
Gerechtigkeit" - vier aktuelle Herausforderungen und Ziele
christlich motivierten Handelns:
|
 | Gerechtigkeit |
 | Frieden |
 | Bewahrung der Schöpfung |
 | Rechte der Frauen |
|
Die "Werke der Barmherzigkeit",
angemahnt durch die Symbole des alten Meditationsbildes, und die
"Taten der Gerechtigkeit", thematisiert in den Fotos aus unserer
Zeit, sind unmittelbar aufeinander verwiesen, notwendig miteinander
verbunden.
Das Misereor-Hungertuch 1998 lädt durch seine Komposition dazu ein,
über ein Grundthema der christlichen Überlieferung nachzudenken: Das
Verhältnis zwischen Liebe und Gerechtigkeit, zwischen Barmherzigkeit
und Politik.
Die Verse aus Mt 25,31-40, die im Bild thematisiert sind:
| 31 |
Wenn der
Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit
ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner
Herrlichkeit setzen. |
|
32 |
Und alle Völker
werden vor ihm zusammengerufen werden, und er wird sie
voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den
Böcken scheidet. |
|
33 |
Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke
aber zur Linken. |
|
34 |
Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt
her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in
Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. |
|
35 |
Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich
war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und
obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; |
|
36 |
Ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war
krank und ihr habt mich besucht, ich war im Gefängnis, und ihr seid
zu mir gekommen. |
|
37 |
Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir
dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir
zu trinken gegeben? |
|
38 |
Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und
aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? |
|
39 |
Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und
sind zu dir gekommen? |
|
40 |
Darauf wird der König ihnen antworten: |
Amen, ich sage euch: Was ihr für den geringsten meiner Brüder
getan habt, das habt ihr mir getan.
|
|