St. Albertus Magnus Ottobrunn

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Das Misereor-Hungertuch 1996


 

Herausgeber:
Bischöfliches Hilfswerk Misereor e.V.




Mozartstraße 9, 52064 Aachen
Tel.: 0241 / 442-0; Fax: 0241 / 442-188
e-mail: pastoral@misereor.de
Internet: http://www.misereor.de


 

 
Das Misereor-Hungertuch 1996
aus Deutschland
"Hoffnung den Ausgegrenzten"
Sieger Köder, Deutschland
 
 
Noach

Wir sehen die Arche inmitten einer tödlichen Flut. Ein sinkender Tanker entlässt seine giftige Fracht; der schillernde Ölfilm verklebt das Gefieder des sterbenden Kormorans. Symbole der Vernichtung liegen auf dem Grund der Kloake: Panzerfäuste, Minen, Stahlhelme, Totenschädel, aufgerissene Dosen, Fischgerippe. Die Arche erhebt sich nur wenig über diesem Wasser. Sie gleicht eher einer brüchigen Slumhütte als einem schwimmfähigen Rettungsboot. Aus dem geöffneten Fenster lugen nicht nur Noach, sondern auch Repräsentanten der Weltbevölkerung. Sie erwarten die große weiße Taube mit dem Ölzweig im Schnabel.

Ein machtvoller Regenbogen bedeckt den Himmel; das Spektrum seiner Farben spiegelt sich wider im schmutzig-öligen Wasser. Der Bogen, den Gott in die Wolken gesetzt hat, ist Warnung für den Menschen und zugleich Hoffnung. Menschen, die die Erde als Lebenshaus zerstören, verfehlen ihr Menschsein (E. Zenger). Die Schöpfungsgarantie Gottes (vgl. Gen 9,11) ist kein Freibrief für die ökologische Tötungskultur. Das Überleben der Menschheit ist nur gemeinsam möglich.

Mirjam

Die Prophetin Mirjam, Schwester Aarons, tanzt über dem Wasser und schlägt die Pauke. Ihre Haare flattern, ihr ganzer Leib ist in Bewegung. Sie trägt ein Kleid in den Farben des Regenbogens. Sie bewegt sich zwischen der rot-grünen Flut, die sich wie eine Gasse öffnet: "Wenn das rote Meer grüne Welle hat, dann ziehen wir frei, heim aus dem Land der Sklaverei." Durch die gewaltigen Wassermassen werden mit Stacheldraht bewehrte Mauern eingerissen: "Wenn der Stacheldraht rote Rosen trägt, dann bleiben wir hier, weil sich das Land gewandelt hat". Der Maler hat sich bei der Mirjam-Szene vom Lied seines Dichterkollegen Wilhelm Willms inspirieren lassen.

Wir erinnern uns: Gott hatte das Schreien seines Volkes gehört und aus der Sklaverei geführt (Ex 20,2). Der Maler macht eine Frau, die Prophetin Mirjam, zur Kronzeugin der Rettungstat an Israel. Sie gibt dem Jubel des Volkes eine Stimme, sie tanzt und animiert zum Mitsingen und Mittanzen: "Singt dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben! Rosse und Wagen warf er ins Meer" (Ex 15, 20-21). Jahwe hat sich bei der Errettung Israels als Lebenspender und Befreier erwiesen. Die geschenkte Freiheit hat sich für uns aber zu bewähren den Witwen, den Waisen, den Fremden und den Landlosen gegenüber (vgl. Dtn 5,6-21).

Das Mahl

Wir sehen einen gedeckten Tisch, gefüllt mit reichen Gaben: blaue Trauben, Brote, zwei Fische, eine übervolle Schale Reis, zwei Apfel, eine Zitrone. Dabei stehen ein Tonkrug, Wein- und Wasserflaschen, ein mit rotem Wein gefüllter Becher. Um den Tisch sitzen Vertreter aus aller Welt: auf der linken Seite oben ein Afrikanerjunge, daneben - mit seinem Gewand in den Farben des Regenbogens - ein Indio aus dem Andenhochland, davor ein Liebespaar, er mit einem Strauß Rosen in den Händen. Auf der rechten Seite erkennen wir eine Frau, die sich an eine Hand schmiegt, daneben eine Asiatin, vor ihr ein kleiner schwarzer Junge, der kaum über den Tisch schauen kann und vorne ein alter Afrikaner, der im Blick auf den Betrachter in sich versunken seinen Wein trinkt. Diese Tischgemeinschaft ist eingeladen von dem, der das Brot bricht und dessen Antlitz sich im Becher spiegelt.

Jesus isst und trinkt mit den Zöllnern und Sündern (vgl. Mk 2,13-17). Für ihn gibt es keine Trennung zwischen Heiligen und Sündern. Der Maler will, dass wir Maß nehmen an der unvoreingenommenen Offenheit und Gastlichkeit Jesu. Nicht die geschlossene Runde von Gleichgesinnten, sondern der nach allen Seiten offene Kreis nicht das kultische Mahl im Tempel, sondern der festlich gedeckte Tisch eines Festmahles sind das zentrale Symbol der Reich-Gottes-Vision. Menschen unterschiedlicher Kulturen an einen Tisch zu bekommen, ihnen nicht nur die Brosamen vom Tisch der Reichen zu gönnen, sondern sie als gleichberechtigte Gesprächspartner zu akzeptieren: das ist auch Auftrag und tägliches Bemühen der von Misereor geförderten Solidaritätsarbeit.

Betseda

Im Vordergrund steht vor dem Betrachter die übergroße Gestalt eines Afrikaners, der lahm und blind ist. Im Hintergrund rechts sehen wir eine Gruppe von drei Männern. Zwei davon stützen und tragen einen verletzten Schwarzen. Im Vordergrund links helfen sich zwei Frauen gegenseitig; dahinter eine Frau, die Wasser trinkt. Alle dargestellten Figuren stehen teilweise bis zur Hüfte im Wasser. Dort spiegeln sich auch die Farben des Regenbogens und das Gesicht der Gestalt vom Mittelbild des Hungertuches.

Das Bild erscheint wie in Wasser getaucht, ein Hinweis auf das lebendige Wasser, das Christus der Frau am Jakobsbrunnen verspricht: "Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben (Joh 4,14). Für den Maler wiederholt sich das Wunder vom Betesda-Teich. Wunder geschehen dort, wo sich Menschen gegenseitig stützen und helfen. Das Betesda-Motiv ist ein Bild mitmenschlicher Solidarität, gleichzeitig ein österliches Bild. Auf Christus sind wir getauft zu einem neuen Leben und zu einem neuen Wandel (Röm 6,1-14).

Der Schmerzensmann

Das Mittelbild tut weh. Ein gequälter Leidenskörper hängt vor der blauschwarzen Finsternis. Der Kopf ist nach hinten gefallen: ein gesichts- und namenloser Mensch. Das Leichengrün erinnert an den Christus des Isenheimer Altars. Der Künstler zeigt mit dem Schmerzensmann das wahre Ausmaß des Leidens dieser Welt.

Ist dieser geschundene Mensch nicht ein Symbol dafür, wie die Mächte dieser Welt, für die die Ordnung der Wölfe gilt und nur die Spirale der Gewalt zählt, wie sie den Menschen gering achten? Pilatus zeigt den gefolterten Jesus dem Volk und sagt: "Da, der Mensch" (Joh 19, 5). Dieser Satz gibt einen Hinweis auf den Kerngehalt des Christentums: In den leidenden und ausgegrenzten Menschen sehen wir den leidenden Gottessohn. Bei Deuterojesaia wird mit dem misshandelten "Gottesknecht" eine Perspektive der Hoffnung ins Spiel gebracht: "Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen ... Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt" Ges 53,4 f).

Der Anlass

Die Befriedigung der Grundbedürfnisse gehört zu den elementaren Menschenrechten. Gemeint ist das Recht der Menschen auf Nahrung, auf sauberes Wasser, auf menschenwürdiges Wohnen, auf Gesundheit, auf angemessene Bildung und Arbeit. Die Sorge um die Einhaltung dieser Grundbedürfnisse ist gleichzeitig Auftrag von Misereor. Während der Misereor-Fastenaktion 1996 wird die Grundbedürfnissproblematik und -strategie am Beispiel "Wasser" dargelegt.

Das Thema

Die Bildmotive des Hungertuches verweisen auf diesen Grundauftrag. Als Fastenaktion der deutschen Katholiken soll das Werk Zeugnis geben von der Liebe Christi und das ganze Volk Gottes dazu einladen, teilzunehmen an der Sorge Jesu um die Armen und Ausgegrenzten der menschlichen Gesellschaft. "Teilen" und "Anders leben" sind Elemente einer solchen Erneuerungs- und Bußbewegung für Umkehr und Solidarität.

Den Grundauftrag von Misereor ins Bild bringen heißt, sich der leidenden und von der Gesellschaft ausgegrenzten Menschen zu erinnern. Der Prototyp dieses im Mittelbild dargestellten gequälten Menschen ist Christus. Mit seinem Leiden und seinem Tod hat er der Welt Hoffnung gegeben. Die beiden Außenflügel des Misereor-Hungertuches zeigen solche Geschichten der Hoffnung aus dem Alten und Neuen Testament.

Gleichzeitig erlauben die Bilder des Hungertuches auch einen Hinweis auf die Wasserthematik der Fastenaktion 1996. Das tödliche Wasser der Sintflut wird zum toten Wasser einer Zivilisation, die verseuchtes Wasser um den Preis eines fragwürdigen Fortschritts hinnimmt. Das Wasser im Mirjam-Bild befreit und bringt die stacheldrahtbewehrte Mauer zum Einsturz. Bei der Mahlszene steht sauberes Trinkwasser auf dem Tisch; es dient der Gesundheit und damit dem Leben. Beim Betesdabild bedeutet das Wasser für die Kranken Heilung und Hoffnung.

Der Bildaufbau

Der Künstler hat das Hungertuchbild in Form eines Triptychons gemalt. Der Schmerzensmann in der Mitte steht wie hinter einem Vorhang. Dieser Vorhang kann geschlossen werden, wenn das Tuch so gefaltet wird, dass nur noch die vier Seitenbilder übrig bleiben. Der ursprünglich verhüllende Charakter des Hungertuches wird erkennbar: Auf dem Tuch sehen wir jetzt Bilder der Bibel, in Beziehung gesetzt mit der Lebenswelt von heute. Wenn der Vorhang geöffnet wird, bietet er in der Schlüsselfigur des leidenden Gottesknechtes eine neue Dimension der Erklärung und Deutung.

Die Botschaft

Die zentrale Botschaft des Hungertuches lautet: "Hoffnung den Ausgegrenzten".
Angesichts der tödlich gespaltenen Welt stellt sich für uns als Kirche des reichen Nordens die Frage, wie wir da noch die Botschaft des Lebens in Fülle für alle glaubwürdig verkünden können.
Nur eine Kirche, die sich von Gottes Parteilichkeit in die Pflicht nehmen lässt, wird sich der Liebe Gottes an der Seite der Armen, Schwachen und Ausgegrenzten erinnern. Sie zeigen uns, wohin wir uns bewegen müssen, um den Grund und die Mitte unseres Glaubens nicht zu verlieren.

Der Maler: Sieger Köder

Der Maler des Misereor-Hungertuches "Hoffnung den Ausgegrenzten", wurde am 3. Januar 1925 in Wasseralfingen geboren. Nach dem Abitur folgen Arbeitsdienst, Wehrmacht und amerikanische Gefangenschaft. Von 1946 bis 1947 besucht er die Staatliche Höhere Fachschule für Edelmetalle in Schwäbisch Gmünd und erlernt das Silberschmieden und Ziselieren. Von 1947 bis 1951 studiert er an der Kunstakademie Stuttgart Zeichnen, Werken, Malen und Kunstgeschichte. Nach zwei Jahren Anglistik-Studium wird er von 1954 bis 1965 Kunsterzieher am Schubart-Gymnasium Aalen.

Mit 40 Jahren hängt Sieger Köder den Oberstudienrat "an den Nagel", um in Tübingen und München alte Sprachen und Theologie zu studieren. 1971 zum Priester geweiht, ist er bis 1975 als Vikar an St. Suso, Ulm, tätig. Von 1975 bis 1995 Pfarrer der Gemeinden Hohenberg und Rosenberg, verbringt er seit Juni 1995 seinen Ruhestand in Ellwangen/Jagst.

 
 
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Last updated 11.01.10