St. Albertus Magnus Ottobrunn

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Das Misereor-Hungertuch 1994


 

Herausgeber:
Bischöfliches Hilfswerk Misereor e.V.




Mozartstraße 9, 52064 Aachen
Tel.: 0241 / 442-0; Fax: 0241 / 442-188
e-mail: pastoral@misereor.de
Internet: http://www.misereor.de


 

 
Das Misereor-Hungertuch 1994
aus Südafrika
 
"Gott begegnen im Fremden"
Azariah Mbatha, Südafrika
 
 
Bleibe bei uns, Fremder. Die Emmausgeschichte

Auf drei Ebenen erzählt der Künstler von Emmaus.
Zwei Männer, mit Reisesack unterwegs, laden einen Fremden zu Gast bei sich ein.
Erst beim Brotbrechen erkennen sie Jesus. Der Eingeladene wird selbst zum Gastgeber. Die einen Fremden aufgenommen haben, nehmen teil am Gastmahl des Herrn. Diese Tischrunde weitet sich aus für alle Menschen, für die Großen und die Kleinen, für die Frauen, Männer und Kinder, für Schwarze und Weiße.

Jesus entschwindet ihren Augen. Die Jünger kehren zurück nach Jerusalem. Jesus überlässt sie auf ihrem Weg sich selbst - ein Hinweis auf unseren Lebensweg, der oft mehr von Unsicherheit, Gebrochenheit und Alleinsein geprägt ist als vom Spüren der kraftvollen Nähe Gottes. Und doch sagen die Jünger zueinander: "Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete …" (Lk 24,32).
Der Auferstandene will sich auch heute als Fremder und Ausgestoßener denen zu erkennen geben, die seine Jünger sein wollen.

Die Hölle auf Erden - Alltag für Millionen

Menschen sind auf der Flucht und stehen als Fremde vor unserer Türe.
Der Künstler zeigt eine Gruppe von Sklaven, mit Ketten verbunden. Rund 100 Millionen Menschen wurden allein in Afrika über die Jahrhunderte gegen ihren Willen als Sklaven in die Fremde verschleppt.
Wir sehen eine allein stehende Frau mit vielen Kindern am Rock und am Hals. Es ist die Frau eines Wanderarbeiters, der in die Stadt zog, um Arbeit zu suchen, während seine Frau für das Leben und Überleben der Kinder zu sorgen hat. Fremde stehen vor einer hüttenähnlichen Toreinfahrt. Sie begehren Einlass. Werden sie Aufnahme finden?
Ein Mann mit Fackel zündet Häuser an. Eine Maske verdeckt sein Gesicht. Er steht vor einem Sarg, in dem bereits Opfer des Fremdenhasses liegen. Teils tot, teils zu Tode verängstigt, finden sie keinen Ausweg. Die Leiter ist zerbrochen. Auf dem großen Karren liegen die Toten, die auf ihren Abtransport warten.

Aufbruch zu einem neuen Leben. Die Abrahamgeschichte

Abraham verlässt seine Heimat Haran mit seiner Frau Sarah und seinem Neffen Lot. Mit all ihren Schafen und Ziegen, mit ihren Kindern und Zelten ziehen sie in das fremde Land. Sogar die Kranken werden auf ihren Tragen mitgeschleppt. Einige bleiben aber zurück, allein und vereinsamt am Eingang ihrer Hütten. Sie haben Angst, die vertraute Umgebung mit all den Fleischtöpfen im Stich zu lassen.
In Erinnerung an die Zeit, da Israel im fremden Land gelebt hat sowie an unsere eigene Situation als Pilger und Fremdlinge auf Erden (Ps 39,13; Hebr 11,13) soll jeder Gast im Namen Gottes, der ihn liebt, aufgenommen werden.
Abraham, der Fremdling aus Ur in Chaldäa, wurde zum Prototyp für den Menschen, der "unbehaust" und nur "Gast auf Erden" (GL656) ist. Als Stammvater des Volkes Israel ist er mit seiner Gastfreundschaft den drei Fremden gegenüber (vgl. Gn 18,1-33) Garant für die Zusage Gottes, dass wir in jedem Fremden dem Herrn begegnen.

Struktur des Todes - Kultur des Lebens

Wir sehen ein großes Spinnennetz, gefüllt mit hilflosen Menschen sowie Spinneneiern, von denen einige schon aufgeplatzt sind und ihr Gift verströmen. Ein Hinweis auf die "Strukturen der Sünde und des Bösen" (Redemptor Hominis, Nr. 15; Sollicitudo Rei Socialis, Nr. 36). Herrschende Denkweisen, irrationale Ängste um Eigentum und Arbeitsplatz, Sorgen um die nationale Identität erzeugen eine Stimmung gegen die Fremden, der sich der Einzelne kaum widersetzen kann. Das Gespinst des Bösen kann ein ganzes Volk vergiften.
Auch hier die Opfer, eingepfercht in sargähnlichem Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.
Trotzdem gibt es Hoffnung. Wir sehen Menschen, die gemeinsam versuchen, Fremde und Gefährdete zu schützen. Eine kleine Gruppe von Frauen und Männern, die den Boden bearbeiten, die säen und pflanzen, werden umringt von einer Menschenkette, die diese Art von Leben in Freiheit beschützen.

Flucht als Befreiung. Die Mosesgeschichte

Moses steht mit Aaron vor Pharao. Sie bitten: "Lass unser Volk ziehen". Aarons Schlange wird zum Beweis, dass Jahwe mächtiger ist als der Pharao. Er befreit sein Volk aus dem Sklavenhaus (Ex 20,2).
Aber jener Gott, der Mitleid hatte mit dem Schreien seines Volkes in der Fremde (vgl. Ex 22,26), verlangt die Einhaltung von kultischen und sozialen Geboten. Sie sind Nachweis, welchem Gott das Volk des Bundes glaubt. In diesem Heiligkeitsgesetz heißt es u.a.: "Liebe die Fremden wie dich selbst" (Lev 19,34).
Das Ziel des Exodus unter göttlicher Führung ist damals wie heute eine Welt, die Flüchtlinge menschlich aufnimmt, eine Welt, die ein Leben in Freiheit für alle Menschen möglich macht.

Zusammenleben mit Fremden. Das himmlische Jerusalem

Angesichts von Hoffnungslosigkeit und Resignation greift der Künstler ein elementares Bild biblischer Hoffnung auf.
Er malt das neue Jerusalem als Haus mit den vielen Wohnungen. Er hofft auf die Vision des Reiches Gottes, das, gefährdet und unansehnlich wie ein winziges Senfkorn, doch zum Baum wird, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels Wohnung finden (vgl. Mk 4,30-32; Mt 13,31ff; Lk 13,18f).
So wie viele Vögel ihre Nester in den Bäumen haben, so dürfen die Menschen aller Rassen und Hautfarben im Schatten des "Reich-Gottes-Baumes" leben. Dass diese Verheißung uns nicht in den Schoß gelegt wird, will der Künstler mit Nachdruck sagen.
Er lädt uns ein, in der Jesus-Figur der Emmaus-Geschichte (der Name Jesus bedeutet "Jahwe ist Heil") auch Jahwe zu sehen, der von uns fordert: "Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, ... die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen" (Jes 58,6-7).

Der Anlass

Die Bildmotive des Hungertuches sind geprägt von der Zielsetzung des Werkes Misereor und inhaltlich inspiriert von den Themen der Misereor-Fastenaktion 1994.
Die Ursachen von Flucht und Migration sowie unser Umgang mit den in Deutschland lebenden Flüchtlingen und Fremden stehen dabei im Mittelpunkt unserer Informations- und Bildungsarbeit. Anhand konkreter Beispiele aus dem afrikanischen Kontext werden die unterschiedlichen Fluchtursachen erläutert. Gleichzeitig wird das Engagement kirchlicher Entwicklungsarbeit zur Bekämpfung dieser Ursachen vorgestellt.
Der Testfall christlicher Solidarität mit den Armen zeigt sich dann für die Menschen hier zu Lande vor allem im Umgang mit den hier lebenden Flüchtlingen und Fremden.
Um diese Botschaft ins Bild zu bringen, hat Azariah Mbatha biblische Aussagen mit afrikanischer Realität verknüpft. Diese biblischen Impulse sollen unser Denken und Handeln beeinflussen.

Das Thema

Das zentrale Thema des Hungertuches lautet: "Gott begegnen im Fremden".
Schon im Alten Testament klärt das "Heiligkeitsgesetz" im Buch Leviticus die rechtliche Stellung der Fremden: "Liebe die Fremden wie dich selbst" (Lev 19,34). Die Einhaltung der kultischen und sozialen Gebote sind Nachweis, welchem Gott das Volk des Bundes glaubt.
Die Emmausgeschichte macht deutlich: Wer dem Fremden begegnet und ihn aufnimmt, findet Gott und sich selbst (Lk 24,13-35; vgl. auch Mt 10,40; Mk 9,37). Die Aufnahme oder die Nichtaufnahme der Fremden wird uns so zum Gericht (vgl. Mt 25,35.43).

Die Botschaft

Die Lebensbereiche "Fremdling und Gastfreundschaft" sind mit ihrer christologischen und heilsgeschichtlichen Dimension zentraler Bestandteil der biblischen Botschaft des Alten und Neuen Testamentes. Die Bilder des Hungertuches zeigen solche biblischen Szenen, verwoben mit der konkreten Situation der Menschen in Afrika und bei uns in Deutschland. So können die Aussagen des Hungertuches in vielfacher Form für uns Wegweiser sein:

bulletSei gastfreundlich zu den Fremden und lasse ihnen deinen Schutz zukommen (vgl. Gn 18,2-8; Lk 7,44 ff);
bulletSorge dafür, dass der Fremde sein Anders-Sein auch behalten darf (Dt 10,18);
bulletBegreife, dass auch Dein Leben einer Pilgerschaft gleicht (vgl. 1 Petr 2,11; 2 Kor 5,1-10) und von Aufbruch und Wanderschaft geprägt ist;
bulletLerne in jedem Gast und in jedem Fremden den Herrn selbst zu erkennen (Mt 10,40; Mk 9,37).

Der Künstler: Azariah Mbatha aus Südafrika

 
 
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Last updated 11.01.10