St. Albertus Magnus Ottobrunn

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Der Misereor-Kreuzweg und das
Misereor-Hungertuch aus Lateinamerika 1992



 

Herausgeber:
Bischöfliches Hilfswerk Misereor e.V.




Mozartstraße 9, 52064 Aachen
Tel.: 0241 / 442-0; Fax: 0241 / 442-188
e-mail: pastoral@misereor.de
Internet: http://www.misereor.de


 


 

I. STATION

Verurteilt zum Tode
Thema: Menschenrechte

Der mit Ketten gefesselte Christus wird von Soldaten aus dem Gefängnis geführt. Andere Gefangene, mit Binden und Masken über Kopf und Augen, werden mitgeschleppt. Frauen erwarten die Gruppe. Es sind Mütter von der Plaza de Mayo, die um ihre verschwundenen Männer und Söhne klagen. "Schluss mit der Repression", "Wo ist mein Sohn?": so lauten die Aufschriften auf den Plakaten. Jesus ist einer der zu Unrecht Inhaftierten und Gefolterten.
 

 

II. STATION

Verlassen von allen
Thema: Großstadt in Lateinamerika

Zwei Soldaten laden dem mit dem Spottmantel bekleideten Christus das Kreuz auf. Diese Szene spielt sich ab in der Großstadt São Paulo. Die Menschen nehmen keinen Anteil am Schicksal des Leidenden. Im Violett des Gegenlichtes malt sie der Künstler, wie sie hastig ihres Weges gehen. Sie gehen wie auf Brücken, die nichts und niemanden verbinden. Nur der Schuhputzerjunge und ein altes Ehepaar sind Zeugen.

 

 

III. STATION

Erdrückt vom Kreuz
Thema: Bürgerkrieg in Mittelamerika

Jesus fällt zum ersten Mal unter der Last des Kreuzes. Unmenschliche Gewalt und blinde Zerstörungswut haben ihn niedergedrückt. Das Bild erinnert an die blutigen Bürgerkriege in Mittelamerika. Bevorzugte Opfer sind Bauern und Landarbeiter sowie Vertreter der Kirche, die sich mit den Unterdrückten solidarisieren. Im Vordergrund Bischof Oscar Romero aus San Salvador, der am 24. März 1980 am Altar ermordet wurde.
 

 

IV. STATION

Mutter und Sohn
Thema: Leiden und Solidarität in den Elendsvierteln

Schweigsam, vom Schmerz erdrückt, begegnet Maria ihrem Sohn. Die Begegnung findet statt in einem der Elendsviertel, wie sie tausendfach in Lateinamerika existieren. Es mangelt am Lebensnotwendigen, an Wasser, an Strom, an Verkehrsanbindungen, vor allem aber an Arbeit. Trotzdem gibt es gerade hier zahllose Initiativen der Selbsthilfe und der gegenseitigen Solidarität.

 
V. STATION

Ein Außenseiter hilft
Thema: Die Schwarzen in Lateinamerika

Ein Außenseiter wird zur Hilfe gezwungen. Simon von Cyrene ist einer der Schwarzen, wie sie millionenfach in Lateinamerika leben. Einst wurden sie aus Afrika verschleppt, um nach der Ausrottung der Indianer Jahrhunderte lang härteste Sklavenarbeit zu verrichten. heute sind sie nicht minder diskriminiert; sie erhalten die niedrigsten Löhne und verrichten die dreckigste Arbeit. Christus braucht die mitfühlende Solidarität solcher Menschen.
 

 

VI. STATION

Die Gemeinschaft der Beladenen
Thema: Indios in den Anden

Indio-Frauen übernehmen den Dienst der Veronika und säubern das Gesicht Jesu. In diesem Gesicht finden sich die Frauen und Männer der andinen Welt wieder. Bis heute leiden sie unter der Missachtung durch die Weißen und Mestizen, bis heute kämpfen sie um ihre eigene Kultur und Identität. Der Kreuz tragende Christus nimmt die mutige Geste der Frauen dankbar an.

 

 

 
VII. STATION

Bodenlos
Thema: Bauern ohne Land

Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Gewicht des Kreuzes. Um das tägliche Brot zu bitten, hat er die Menschen gelehrt. Woher soll es aber kommen, wenn der Boden nur in der Hand weniger ist? Der Ruf nach Land wird immer lauter. "Agrarreform", "Recht auf Land": solche Transparente sieht man auf dem Bild. Hunderten von Menschen kostet diese Forderung jedes Jahr das Leben. Jede Kordel am Querbalken des mitgeführten Kreuzes symbolisiert einen Ermordeten.
 

 

VIII. STATION

Der Aufschrei der Frauen

Thema: Frauen in Lateinamerika

Voller Mitleid betrauern Frauen den misshandelten Herrn. Dieser verweist sie auf ihr eigenes Schicksal: "Weint nicht um mich ...". Diese biblische Szene spielt in Ayacucho/Peru, wo Väter und Söhne umgebracht werden, und Frauen die Sorge um das Überleben der Familien übernommen haben. Trotz solcher oft unmenschlichen Lasten ist der Mut und die Widerstandskraft lateinamerikanischer Frauen sprichwörtlich.
 

 

IX. STATION

Verstoßen und geschlagen

Thema: Straßenkinder in Lateinamerika

Jesus fällt zum dritten Mal mitten unter elternlosen Kindern und arbeitslosen Jugendlichen zu Boden. Um überleben zu können, arbeiten sie als fliegende Händler, als Eisverkäufer, als Altpapiersammler, als Zeitungsverkäufer. Killerbanden töten jeden Monat allein in Brasilien Hunderte von Straßenkindern. Christus hat Kinder umarmt und gesegnet: "Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, nimmt mich auf" (Mk 9,37).
   

 

X. STATION

Des Kleides beraubt
Thema: Zerstörung des Regenwaldes

Jesus wird am Ende seines Weges seiner Kleider beraubt. Diese Entblößung findet statt inmitten einer Natur, der mehr und mehr ihr kostbares Kleid genommen wird. Im Vordergrund ein Vertreter der Indianervölker, die ihren Lebensraum verlieren sowie Chico Mendes, der brasilianische Umweltschützer, der am 22. Dezember 1988 ermordet wurde. Christus steht auf der Seite jener, die für den Schutz der "Mutter Erde" eintreten.
 

 

XI. STATION

Ans Kreuz geschlagen
Thema: Verschuldung

Jesus wird ans Kreuz genagelt. Wir sehen links die Türme der Banken, rechts einen Kletterturm, zu dem die Menschen mit schweren Lasten gehen. Es sind die Güter aus dem armen Süden, die dem reichen Norden zugute kommen. Jesus wird gekreuzigt "in Erfüllung des Gesetzes". Ebenso stirbt der Süden in Erfüllung des Gesetzes, das diesen Ländern auferlegt wird. Die Auslandsverschuldung und die verordneten Lösungen treffen vor allem die Armen.
 

 

XII. STATION

Tod am Kreuz
Thema: Die zerrissene Welt

Jesus stirbt am Kreuz. Er stirbt für das Leben der gespaltenen Welt. Wir sehen den Riss zwischen Nord und Süd, zwischen Reich und Arm, zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen, zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten. Die Aufspaltung der Welt hat das Leiden und den Tod Jesu mit verursacht; gleichzeitig verhindert das Kreuz und sein Schatten ihr Auseinanderbrechen. Der Tod Jesu am Kreuz kündigt Hoffnung und neues Leben an für uns und die zerrissene Welt.
 

 

XIII. STATION

Keim der Hoffnung
Thema: Aufbruch des Volkes Gottes

Der tote Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt. Diese Szene verweist auf das Gleichnis vom Samenkorn, das, in die Erde gelegt, neues Leben verheißt. Die vielen Menschen im Hintergrund spüren diese österliche Kraft und geben ihrer Freude Ausdruck. Im Schoß der Erde eine kleine Gemeinschaft. Bei Gebet und Gespräch versammelt, weiß sie den Herrn in ihrer Mitte.
   

 

XIV. STATION

Finsternis und Todesschatten
Thema: Umweltverschmutzung

Jesus wird in den Schoß der Erde zurückgegeben: "Staub bist du, zum Staub musst du zurück" (Gen 3,19). Die Grablegung findet in einem öffentlichen Armenfriedhof statt. Dieser grenzt an eine brennende Müllhalde und an ein Industriegebiet, dessen Abgase den Himmel verfinstern. Ein gespenstischer Friedhof ohne Hoffnung! Atommüll, Ozonloch, saurer Regen, vergiftete Flüsse, zerstörte Natur: es gibt Umweltschützer, die verheißen Finsternis und Todesschatten für unsere Erde.
 

 

XIV. STATION

Ein neuer Himmel und eine neue Erde

 


 

Thema: Der Auferstandene begleitet das Volk Gottes auf seinem Weg

 

In der Bilderwelt des Misereor-Hungertuches aus Lateinamerika treten die Vertreter der lateinamerikanischen Völker und ihrer Kirche vor unsere Augen. Sie verweisen uns auf die vielfältigen Probleme in Geschichte und Gegenwart, zeigen aber auch den menschlichen und kulturellen Reichtum dieses Subkontinents. Mitten unter den Straßenkindern, Indianerinnen, Bischöfen, Landarbeitern, Ordensfrauen und Indios steht Christus, der Auferstandene. Er ist den Weg des Leidens mit den Beladenen gegangen. Jetzt bekennt er sich als Auferstandener zu ihnen, den Ermordeten, Totgeschlagenen, Entführten, Verachteten, der Subversion Bezichtigten, weil sie ihr Leben geopfert haben im Glauben an Gottes Liebe und im Dienst an den Armen. Die Namen dieser Blutzeugen sind verzeichnet im Martyrologium der lateinamerikanischen Kirche. Es sind bekannte Namen wie Bischof Romero, Sr. Ita Ford, Chico Mendes und P. Luis Espinal, aber auch in Europa unbekannte Namen wie Sr. Alice Dumont, Santo Dias, Luisito Torres oder Doña Tingo.
Diese Blutzeugen sind zur Linken flankiert von den Vertretern der andinen Völker, die auf ihrer Prozession die Statue der Jungfrau Maria mitführen und ihrer Auferstehungshoffnung mit ihren Musikinstrumenten Ausdruck verleihen.

Links unten sitzt als Symbolfigur Pachamama, die Mutter Erde, die dem Volk die wichtigsten Produkte der Anden - Mais und Kartoffeln - schenkt. Neben ihr ein indianischer Bauer aus dem Altiplano, der mit seinem Inka-Spaten den Boden bearbeitet. In der rechten Bildecke freuen sich Indianer und Schwarze, deren Sklavenketten gesprengt wurden.
Im Hintergrund des Hungertuchbildes sehen wir die Begegnung der europäischen mit der indianisch-lateinamerikanischen Welt. Rechts oben die Ankunft der Karavellen des Kolumbus, die Konquista und ihre schrecklichen Folgen für die indianischen Völker und Kulturen. Links oben die lateinamerikanischen Großstädte mit ihren Hochhäusern, Fabriken und Favelas. Seit langem haben dort die Menschen Repression, Verfolgung und schwere Menschenrechtsverletzungen zu ertragen.
Im Mittelteil des Bildes sehen wir die Ruinen vom Machu Picchu, die Stufenpyramiden von Tikal, das Sonnentor von Tiahuanaco: Zeugen der indianischen Vergangenheit des Kontinents und Anfragen an die heutige Identität. Die lnti-Sonne über dem Machu Picchu korrespondiert mit der Aureole des Auferstandenen.

Der Anlass

Kreuzweg und Hungertuch von Adolfo Pérez Esquivel entstanden in Vorbereitung auf das Gedächtnisjahr "500 Jahre Lateinamerika: 1492-1992". Misereor und die übrigen Hilfswerke für Entwicklung und Solidarität in den Ländern der nördlichen Hemisphäre gehen auf dieses Ereignis zu aus der Perspektive der Opfer. Das sind die Indianer in Amazonien genauso wie die Indios im Hochland der Anden, das sind die landlosen Tagelöhner, die Kleinbauern wie die Slumbewohner in den großen Städten: Männer, Frauen und Kinder, die in die Verarmung gezwungen werden.

Das Thema

Die Bilder zeigen den Kreuzweg, wie er als Form der Kreuzesnachfolge in der Volksfrömmigkeit seit Jahrhunderten gegangen und gebetet wird.
Gleichzeitig geben sie authentische Auskunft über die vielfältigen Probleme und Hoffnungen des lateinamerikanischen Subkontinents. Der Künstler versucht, den Weg des Leidens, den die lateinamerikanischen Völker in den vergangenen 500 Jahren gegangen sind und noch immer zu gehen haben, mit dem Kreuzweg des Herrn zu verbinden.
Seine Bilder sind aber auch eine Anfrage an unser Christsein, unser Zeugnis und unsere Solidarität.
Zentrales Thema von Kreuzweg und Hungertuch ist die biblische Vision: "Wir erwarten einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt" (2 Petr 3,13).

Die Botschaft

Als zentrale Figur begleitet der leidende Christus der traditionellen lateinamerikanischen Volksfrömmigkeit die Menschen auf den einzelnen Stationen ihres Weges. Er leidet mit ihnen und stirbt für sie. Der Kreuzweg Jesu ist auch der Kreuzweg des Volkes. Die 15. Station (das Motiv des Hungertuches) zeigt den auferstandenen Herrn. Er schreitet zusammen mit den lateinamerikanischen Martyrerinnen und Martyrern unserer Tage, die ihren Einsatz für die Armen und für die Gerechtigkeit mit dem Leben bezahlten, dem Betrachter entgegen. Ihr Blutzeugnis wird zum Keim der Hoffnung und zur Quelle von Leben.

Der Künstler Adolfo Pérez Esquivel

1931 in Buenos Aires geboren, wurde er 1980 in Oslo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Esquivel studierte Architektur und Bildhauerei, war Professor an der Universität La Plata und an der Schule für Schöne Künste in Buenos Aires ehe er 1968 begann, in der Friedensbewegung mitzuarbeiten, die er selbst als "Apostolat der Gewaltfreiheit" begriff. Mitte der 70er Jahre, als die Militärs die Macht übernahmen, wurde er mit seiner moralischen Autorität zum Gewissen Argentiniens, ein unbestechlicher Kämpfer für die Respektierung der Menschenrechte in seinem Land und in ganz Lateinamerika.

1974 wurde er Generalsekretär der Organisation Servicio Paz y Justicia (SERPAJ). Im gleichen Jahr verzichtete Pérez Esquivel auf seinen Lehrstuhl. Am 4. April 1977 wurde er von den argentinischen Militärs verhaftet und blieb ohne Anklage und ohne Prozess bis zum 22. Juni 1978 im Gefängnis. Dort unterzog man auch ihn der Folter. Der überzeugte Christ Pérez Esquivel ist mit der Komponistin Amanda Guerreño verheiratet und hat drei Söhne.

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Last updated 11.01.10