St. Albertus Magnus Ottobrunn

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Das Misereor-Hungertuch 1988


 

Herausgeber:
Bischöfliches Hilfswerk Misereor e.V.




Mozartstraße 9, 52064 Aachen
Tel.: 0241 / 442-0; Fax: 0241 / 442-188
e-mail: pastoral@misereor.de
Internet: http://www.misereor.de


 

 
Das Misereor-Hungertuch 1988
aus Kamerun, Afrika

 
"Vaterunser-Bitten"
René Tchebetchou, Kamerun
 
 
Vater unser im Himmel

Im Mittelpunkt des Hungertuchbildes sehen wir die Mahlgemeinschaft. Vier Erwachsene - zwei Frauen und zwei Männer - sitzen um einen riesigen Topf und essen daraus gemeinsam mit bloßen Händen. Ein Junge steht abseits, bekommt aber auch seinen Teil. Auch der Hund, die Vögel und Hühner erhalten Knochen und Brosamen. Eine junge Frau bringt einen Korb mit Früchten.
Christus sitzt mitten unter ihnen, nur erkennbar am roten Gewand.
Der Künstler verweist damit auf die ganzheitliche Gotteserfahrung der Afrikaner und zeigt, wie unauflöslich Gottes- und Nächstenliebe zusammengehören.
Dieses Leben in Fülle vermitteln die Ahnen. Der Künstler malt sie im äußeren Bilderrand als Masken und als symbolhafte Figuren. Beim Wohnsitz Gottes und der Ahnen denken die Afrikaner nicht unbedingt an unseren Himmel über den Köpfen. Die Erde spielt für das Leben vor und nach dem Tod eine zentrale Rolle. Himmel und Erde bilden dabei eine kosmische Einheit. Als Mittler zu Gott und als Helfer im Lebenskampf sind die Ahnen für die Lebenden nicht tot.
Christus ist der "Erste unter den Ahnen"; er ist (an der roten Figur im unteren Rand erkennbar) hinab gestiegen in das Reich des Todes und führt alle Menschen und die Ahnen zum Vater.

Dein Reich komme, dein Wille geschehe, im Himmel wie auf Erden

Unter der Mahlszene sehen wir eine Gruppe tanzender Menschen. Sie werden von einem Balaphon und einer Tam-Tam-Trommel begleitet. Wieder ist Jesus zu erkennen. Der Künstler malt ihn als Trommler. Er bestimmt Takt und Rhythmus, er stiftet die Menschen zur Freude an.
Diese Szene ausgelassener Daseinsfreude verweist auf das Kommen Jesu, an diese "Zeit der Freude" (Lk 2,10), die jetzt schon angebrochen ist.
Mahl- und Tanzszene zeigen, wie sehr die Afrikaner eingebunden sind in die Gemeinschaft mit Gott, mit allen Mitmenschen, ob verstorben, lebend oder noch nicht geboren, mit allen Lebewesen sowie der gesamten Natur. Dieses Leben spielt sich ab unter den Augen der Ahnen. Sie bestimmen den Alltag als Väter im Glauben.

Gib uns heute unsere tägliche Nahrung

Die Brot-Bitte haben die Pallottiner-Missionare einst in die Beti-Sprache übersetzt: "Gib uns heute unsere Nahrung". Der Künstler malt dazu die Bananenstaude links und die Hirsepflanze rechts von der Mahl- und Tanzszene. Es sind die Grundnahrungsmittel im Süden und Norden Kameruns. Dazwischen zeigt er den Weg des Menschen, ein Kampf ums tägliche "Brot", von der Geburt bis zum Tod. Zu diesem Lebensalltag gehört die Gebärende, der Fischer, der Hirte mit seinen beiden Rindern, gehören die beiden Hirse bzw. Mais stampfenden Frauen, die Frauen, die Früchte entkernen und das Feld bestellen, gehört der Lastenträger und schließlich der bereits beweinte Todkranke. In dieser Gemeinschaft hat jeder seinen Platz, wird die Würde jedes Einzelnen respektiert.
Christus reiht sich ein in diesen Kampf ums tägliche Überleben. Er ist Lasten- und Segensträger zugleich.
Für den Afrikaner ist dieser Alltag Raum und Angelpunkt des Heils. Die 'Brot'-Bitte wird hier zum Symbol für das Lebensnotwendige und die menschliche Gemeinschaft, zum Zeichen für die bleibende Nähe Jesu und zum Unterpfand endzeitlicher Vollendung.

Vergib uns unsere Schuld - und führe uns nicht in Versuchung

Die afrikanische Lebenswirklichkeit ist keine heile Welt. Sie ist auf Grund persönlichen Fehlverhaltens, aber vor allem angesichts politischer, wirtschaftlicher und sozialer Rahmenbedingungen aufs schwerste bedroht. In den Symbolbildern der senkrechten Bildleisten neben den Masken hat der Künstler diese "Schuld" bzw. diese "Versuchungen" dargestellt:
Die Kakaosäcke
(links unten) und der Kakaobaum symbolisieren wie die Baumwolle (neben der Hirse) die Weltmarktabhängigkeit Kameruns. Die in Europa festgelegten Weltmarktpreise für diese wichtigen Exportprodukte fallen immer mehr, gefährden die Stabilität des Landes und das Überleben der meist kleinen Bauern.
Der Alkoholismus,
symbolisiert durch Flasche und Gläser, ist Ausdruck von Orientierungslosigkeit und Verzweiflung.
Die Korruption
trifft als Krebsübel der Gesellschaft vor allem die kleinen Leute. Viele normale Dienstleistungen sind nur über Trink- bzw. Schmiergelder zu haben.
Der Kranke.
Sein Schicksal vor allem auf dem Land wird allzu oft vom kaum verfügbaren Arzt und vom schlecht ausgestatteten Krankenhaus bestimmt.
Die Jugend
(rechts oben) besucht die französisch geprägte, auf formalen Abschluss fixierte Schule, die in einem Land ohne nennenswerte Wirtschaft kaum Berufschancen lässt. Obwohl die Kinder dem Dorf entfremdet werden und trotz vorhersehbarer Arbeitslosigkeit nehmen die Eltern jedes Opfer für eine Schulausbildung der Kinder auf sich.
Das Leben in der Stadt.
Weil die dörfliche Lebensweise vielen Vorstellungen vor allem junger Leute nicht mehr genügt, weil oft Grundbedürfnisse für ein menschenwürdiges Leben auf dem Land fehlen (z.B. Elektrizität, sauberes Wasser, medizinische Versorgung), werden immer mehr vom Glanz der Stadt angezogen. Die berufliche Chancenlosigkeit endet in wachsender Aggressivität und bedeutet für das Land eine sozialpolitische Zeitbombe.
Nahrungsmittellieferungen (rechts unten). Die USA, die EG, aber auch China überschwemmen mit ihren oft subventionierten Produktionsüberschüssen den einheimischen Markt und ruinieren die Preise des einheimischen Produzenten.

… sondern erlöse uns von dem Bösen

Mit dem äußeren Bildrahmen der Ahnen wird der Kreis geschlossen. Nur wenn die afrikanische Gesellschaft weiter ihrer Ahnen gedenkt, nur wenn Christus durch seine Geburt, sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung in diese Gemeinschaft als "Erster unter den Ahnen" eingegliedert wird, nur dann behalten die Afrikaner ihr "Zuhause", nur dann werden sie in ihrem Glauben an ein Leben in Fülle bestärkt, nur dann gibt es wieder Hoffnung in der afrikanischen Leidensgeschichte und neue Impulse durch die befreiende Botschaft der Bibel.

Die Herkunft

Die auf dem Hungertuch dargestellten Bildmotive sind inspiriert von der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozio-kulturellen Situation Schwarzafrikas, insbesondere von Kamerun.

Das Thema

Zentrales Thema des Hungertuchs sind die Vaterunser-Bitten. Gott als Immanuel (d.h. Gott mit uns) begleitet die Afrikaner in ihrem täglichen Leben: von der schweren Last der Existenzsicherung über Fest und Tanz bis zum Höhepunkt der Mahlgemeinschaft.
Die lebendige Verbindung zu den Ahnen - dargestellt in der Randleiste durch Masken, Symbole und Figuren - ist wesentliches Lebensprinzip afrikanischer Existenz. Sie sind Mittler zu Gott und tatkräftige Helfer in der Bewältigung des Lebens.
Christus ist mitten unter ihnen (Mt 18,20), erkennbar am roten Gewand, der Farbe des Lebens. Als "Erster unter den Ahnen" ist er "hinab gestiegen in das Reich des Todes" (Glaubensbekenntnis) und führt alle Menschen zum Vater.

Die Botschaft

Das Misereor-Hungertuch aus Kamerun will einen Einblick geben in das alltägliche Leben auf dem Lande. Es ist geprägt von einem ureigenen Verständnis von Gott, Mensch und Welt. Die Art der Afrikaner, ihr Leben in der Gemeinschaft zu bewältigen sowie die wachsenden Gefährdungen von außen (vgl. die senkrechten Bildleisten neben den Masken) sind Anstoß für uns, unser eigenes Leben und unseren eigenen Glauben zu überdenken.

Der Künstler: René Tchebetchou

 
 
Copyright © 10 / 1999 - 2009 by Dieter Herberhold
Last updated 11.01.10