St. Albertus Magnus Ottobrunn

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Das Misereor-Hungertuch 1984


 

Herausgeber:
Bischöfliches Hilfswerk Misereor e.V.




Mozartstraße 9, 52064 Aachen
Tel.: 0241 / 442-0; Fax: 0241 / 442-188
e-mail: pastoral@misereor.de
Internet: http://www.misereor.de


 

 
Das Misereor-Hungertuch 1984
aus Indien
"Leben - Wasser und Licht"
Jyoti Sahi, Indien

 
Zuordnung der Bilder und thematischen Inhalte im Hungertuch von 1984

 

 
WAS WIR SEHEN

Lazarus vor dem Grab (1). Das Grab ist als indisches Muslim-Mausoleum gemalt. Ein Peepul-Baum, der in Indien als heilig gilt, hat in der Wand Wurzeln geschlagen.

Maria, die Schwester des Lazarus (2),
in einer Mandorla dargestellt wie eine Träne.

Der Banyan-Baum
(3)
(ficus indica), als Baum des Lebens den Hindus heilig.

Eine Gruppe von Kastenlosen (4)
auf der Suche nach Arbeit in der Stadt. Sie schlagen im Tabu-Bereich des Friedhofs ihre provisorischen Hütten auf, da nirgends sonst Platz für sie ist.

Der Blinde (5)
, der am Ufer kniet und bittend seine Hände empor streckt, gehört zur Gruppe der Kastenlosen. Er ist doppelt benachteiligt.

Christus (6)
als Offenbarer und Mittler Gottes, als Verklärter und als Gottesknecht.

Mose (7),
in seinem safrangelben Gewand dargestellt als Rishi, als indischer Weiser.

Das Totengerippe (8).
Hinweis auf Adam, durch den die Sünde in die Welt kam. Hinweis auf jene Millionen, die dem Hungertod geweiht sind, die den "sozialen" Tod der Kastenlosen erdulden, die in Finsternis und Todesschatten wandeln (Lk 1,79).

Die Samariterin am Jakobsbrunnen (9).
Der Amaltas-Baum ("indischer Goldregen") deutet den Ort als heilig.

Aus einem mit Wasser gefüllten Gefäß blühen Lotosblumen (10). Die Lotosblume ist Hinweis auf Christi und unsere Auferstehung.


WIE WIR ES DEUTEN

Christus, das lebendige Wasser

Im Zentrum des Hungertuches sehen wir die Gestalt Christi. Sein Antlitz ist nach oben gereckt, seine Hände sind nach unten wie Gefäße geöffnet, den Bedürfnissen der Mühseligen und Beladenen entgegengestreckt. Über seiner linken Hand weist ihn das Zeichen Om, die im Hinduismus geheiligte Silbe des göttlichen Wortes, aus als den Offenbarer und Mittler Gottes: "Dies ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören" (Mt 17,5). Leuchtendes Wasser ergießt sich von oben über die Gestalt Christi. Es hüllt ihn ein und wird an seinen Füßen zu einem Strom. Christus ist lebendiges Wasser für die, welche nach Gerechtigkeit dürsten.

Mit dem Wasser als Symbol des Lebens verbindet der Künstler den Mythos vom Nieder-strömen des Ganges: Als auf der Erde einmal eine schreckliche Dürre drohte, erreichte es der Weise Bhagirath durch Gebet und Buße, dass der Strom himmlischer Gnade und himmlischen Lichtes in Form von Wasser auf die Erde nieder strömte. Da die Gewalt des Wassers aber die Erde zu zerstören drohte, erlaubte der Gott Shiva dem Strom, zuerst auf sein Haupt nieder zu fließen. Jetzt, als seine Kraft gebrochen war, kam er als heiliger Fluss Ganges sanft auf die Ebenen Indiens herab.

Christus erscheint hier als der "neue Bhagirath", der im Bild des verklärten Herrn gleichzeitig "wie ein Sklave den Menschen gleich" (Phil 2,7) den Kopf hinhält, "gehorsam bis zum Tod am Kreuz". Er ist Knecht Gottes geworden, gehorsam dem Willen des Vaters. Mose ist als Führer seines Volkes, der mit seinem Stab Wasser aus dem Felsen schlägt, gleichzeitig der Zeuge, der durch Askese und Meditation für sich und andere die Quelle der himmlischen Gnade erschließt. Er verweist auf den, der das Gesetz des neuen Bundes verkündet.

Licht als Symbol des Lebens

Auch Licht symbolisiert für den Künstler Leben.
Licht trifft das Mausoleum und die Gestalt des Lazarus. Es ist das Licht der Auferweckung und des Ostermorgens. Licht schenkt dem Blindgeborenen Sehvermögen und neues Leben.
Licht trifft die Menschen mit den Wasserkrügen, Wanderarbeiter, Kastenlose. Auch sie werden aufgeweckt; aus Getretenen und Gebeugten werden aufrechte Menschen, ihrer Würde bewusst.
Licht, das sich mit dem Wasser verbindet, trifft die Gestalt Christi.
Licht trifft den Baum am Brunnen und lässt den Lotos aus dem Krug hervorbrechen.

Vielfältige Offenbarung

Der Künstler will uns zur Hochschätzung anderer Religionen auffordern. Die vier Lichtströme machen außerdem aufmerksam auf unterschiedliche Weisen der Offenbarung Gottes:

bulletDer linke Lichtstrahl, der das Mausoleum berührt, weist hin auf den Islam und seine Hoffnung auf die Auferstehung.
bulletDer Zweite verweist auf den Hinduismus und Buddhismus, für die das Symbol "Fluss" und "Baum" besonders wichtig sind. Der Fluss entspringt neben einem heiligen Banyan-Baum dort, wo der Lichtstrahl die Erde berührt.
bulletDer dritte Lichtstrahl geht über die Christusgestalt. Er ist der Offenbarer und Mittler Gottes schlechthin, der "Einzig erzeugte vom Vater" (Joh 1,18), der von sich sagt: "Ich bin das Licht der Welt" (Joh 9,5).
bulletDas rechte Lichtbündel trifft die Frau am Brunnen und erinnert an die Offenbarung Gottes in uns Menschen selbst, an "jenes Licht, das jeden Menschen erleuchtet" (Joh 1,9).

Die konkrete Realität in Indien

Auferstehung und Leben sind für den Künstler eine reale Hoffnung. Der Mensch darf teilhaben an Christi Erhöhung. Diese Hoffnung begründet den Glauben an den großen Reichtum menschlichen Lebens:

Die dunkelhäutige Menschengruppe links unten sind als Angehörige der niedrigsten sozialen Schichten gekennzeichnet.
Diesen Benachteiligten wendet sich der dunkelgesichtige Christus zu: Er hat sich als leidender Knecht ein für allemal für die Kleinen, für die Armen und Verachteten entschieden. Die Niedriggeborenen der Gesellschaft erhöht er und gibt ihnen die menschliche Würde zurück.

Die Samariterin am Jakobsbrunnen hat der Künstler ebenfalls dunkelhäutig, im blauen Gewand der Unberührbaren, gemalt Sie ist wie die indische Harijan-Frau, die den Angehörigen der höheren Kaste kein "verunreinigtes Wasser" reichen darf.
Christus hat diese gesellschaftlichen Schranken zwischen Mann und Frau, zwischen Jude und Samariter, zwischen dem Kastenhindu und dem Kastenlosen durchbrochen. Er nimmt von der Frau das Wasser. Er würdigt sie dieses Dienstes und bekundet dadurch, dass die kastenlose Frau fähig ist, aus eigenem Vermögen Wasser zu spenden.

Die Frau in der Mandorla hat der Künstler als Träne Jesu dargestellt. Es ist Maria, die Schwester des Lazarus, die um ihren Bruder weint. Jesus begibt sich mitten in das Leid der Menschen.

Zum Inhalt und Aufbau des Hungertuches

Die Misereor-Hungertücher sind - wie viele andere Werke christlicher Kunst - Auftragsarbeit.
Das Misereor-Hungertuch aus Indien ist geprägt von der Zielsetzung der Fastenaktion MISEREOR und inhaltlich inspiriert von den gottesdienstlichen Lesungen und Evangelientexten der fünf Fastensonntage des Lesejahres A.
Sein Thema lautet: LEBEN - WASSER UND LICHT

Der Künstler Jyoti Sahi hat versucht, die Vielfalt dieser Aussage in drei Dimensionen ins Bild zu bringen:

Die Dimension der konkreten Realität

Der Künstler verbindet mit den Motiven des Hungertuches die konkrete Realität der indischen Gesellschaft. Er zeigt vor allem die Armen und Verstoßenen seines Landes, die Kastenlosen und Angehörigen niedrigster sozialer Schichten. Zentrale Figuren sind dabei vor allem die Frauen, in der Gruppe der Armen doppelt diskriminiert und ausgebeutet.

Die Dimension des Symbols

Die Realität von Leben, Wasser und Licht wird für ihn aber gleichzeitig zum Hinweis auf eine dahinter stehende Wirklichkeit, wird zum Symbol für die Leben spendende und Leben erhaltende Existenz des Göttlichen. Jyoti Sahi zeigt dabei die heiligen Symbole der großen indischen Religionen Hinduismus, Buddhismus und des Islam als Stätten vielfältiger Offenbarung. Er will unser Verständnis wecken für die "vielfältige Weisheit Gottes", die sich auch außerhalb der christlichen Religionen bezeugt (vgl. Eph 3,10).

Die Dimension der biblischen Offenbarung

Als Christ zeigt dann der Künstler die Offenbarung Gottes in Jesus Christus als Höhepunkt menschlicher Existenz. Christus, mit seinem dunkelhäutigen Gesicht als Angehöriger einer niederen Kaste ausgewiesen, bildet mit seiner Heilsverheißung für das Leben in Fülle die dominante Figur des Hungertuches: "Ich bin das lebendige Wasser" (vgl. Joh 4,14), "Ich bin das Licht der Welt" (Joh 8,12), "Ich bin die Auferstehung und das Leben" (Joh 11,25).

Der Künstler: Jyoti Sahi

 
 
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Last updated 11.01.10