St. Albertus Magnus Ottobrunn

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Das Misereor-Hungertuch 1982


 

Herausgeber:
Bischöfliches Hilfswerk Misereor e.V.




Mozartstraße 9, 52064 Aachen
Tel.: 0241 / 442-0; Fax: 0241 / 442-188
e-mail: pastoral@misereor.de
Internet: http://www.misereor.de


 

 
Das Misereor-Hungertuch 1982
aus Haiti
"Die Welt der Bibel"
Jaques Chéry, Haiti

 
Zuordnung der Bilder und thematischen Inhalte im Hungertuch von 1982

 

 
Mehr als Mose (2)

Die Zehn Gebote sind Ausdruck des Gotteswillens und des Bundes zwischen Gott und Israel. Der Künstler bringt sie mit den "Menschenrechten" in Verbindung, ein Hinweis auf die unveräußerliche Würde des Menschen. Er verdeutlicht diese Grundrechte in seiner französischen und kreolischen Heimatsprache. Der Mensch im dunklen Anzug deutet auf das erste Gebot: Ob trotz feierlicher Verkündigung der Menschenrechte dieselben nicht deshalb nur leeres Gerede bleiben, weil das lebendige Verhältnis zu Gott verloren gegangen ist?

Versuchung und Bewährung (1)

Jesus ist dargestellt als der neue Adam, der die Versuchung in der Wüste bestanden hat (Mk 1,13) und im Frieden mit den wilden Tieren lebt. In dieser Überwindung erweist er sich als der "Menschensohn" (Mk 9,9). Der Künstler malt die Versuchung zu Reichtum, Vergnügen und Macht in bildhaft-symbolischer Art: Haus, Auto sowie drei Männer, die die Erde ausbeuten und dadurch den Globus zerstören. Die Versuchung Jesu wiederholt sich in unserem Leben. Auch wir haben uns zu bewähren - in der Versuchung, andere zu beherrschen und unser Herz nur an die Dinge dieser Welt zu hängen.

Heimatlos (3)

In unseren Tagen werden Gottesrechte und Menschenrechte mit Füßen getreten. Die "Sintflut" als Bedrohung des Menschen ist für den Künstler nicht zu Ende. Er zeigt die Missachtung eines konkreten Menschenrechtes - das Recht des Menschen auf Heimat. Menschen auf der Flucht trifft man nicht nur zwischen Haiti und den USA, sondern auch in Afrika und in Vietnam. Sie verlassen in winzigen Booten ihre Heimat, um Diktatur und Terror zu entgehen. Jesus sitzt mitten unter den Heimatlosen. Er ist mit ihnen und mit uns auf dem Weg; er ist unser Weg, der durch Not und Tod ins Reich Gottes führt.

Eine neue Schöpfung (6)

Der siebenfarbige Regenbogen umspannt das Gesamtbild. Das dunkle Blau des Bogens wiederholt sich im Wasser der Sintflut.
Dieser Regenbogen ist Zeichen für das Ja Gottes zum Leben des Menschen und zur ganzen Schöpfung. Er versinnbildet den Bund Gottes mit Noah und bedeutet die Zusage der Erde als Wohnraum für alle Menschen (Gen 9,8-15). Jesus hat diese Verheißung glaubwürdig gemacht. Sein Tod ermöglicht neues Leben. Der Künstler umrankt daher das Bild der neuen Schöpfung mit den übergroßen Früchten des Kreuzesbaums.

Der Kreuzesbaum (4)

Jesus hängt am Kreuz, gleich der Schlange, die Mose in der Wüste erhöht hat (Joh 3,14-21). Der Künstler hat einen Kreuzesbaum gemalt, dessen Wurzeln tief in das Dunkel der "Sintflut" reichen. Dazwischen sieht man die Samen als Zeichen der Hoffnung: "Wenn das Samenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt ..." (Job 12,20-33). Durch sein Leiden und Sterben nimmt Jesus alle menschliche Schuld auf sich. Wer an ihn glaubt, der wird gerettet. Für den aber, der glaubt, gilt das gleiche rätselhafte Gesetz, dem sich Jesus unterworfen hat. Die Fülle der rettenden Macht Jesu wird in den riesigen überreichen Früchten deutlich.

Friedlos (5)

Der Künstler bringt das Leiden und Opfer Christi in Verbindung mit der Szene im Halbdunkel des Wurzelwerkes. Jesus überwindet das Böse durch seine Passion. Er ist derselbe Christus, der am Kreuz hängt, der im Boot der Flüchtlinge sitzt, der unter den Knüppeln der Soldaten zusammengebrochen ist. Trotzdem erweist sich die "Welt" ihm gegenüber als von Finsternis erfüllt: "Die Menschen lieben die Finsternis mehr als das Licht" (Joh 3,19). Wir alle kennen die Finsternis unserer Tage: Streit, Krieg, Gewalt, Folter, Angst.

Die neue Tischgemeinschaft (9)

Jesus weist im Bild der Tempelreinigung auf die Tischgemeinschaft: Sie ist Maßstab für jeden Gottesdienst, für alle Gottesverehrung, für jede Gemeinde. Menschen aller Rassen verdeutlichen jene Bruderschaft, in der Amt und Titel keine Rolle spielen: "Ich lege mein Gesetz in ihr Inneres und schreibe es ihnen aufs Herz. Ich werde ihr Gott sein, sie werden mein Volk sein. Keiner belehrt mehr den anderen, keiner den Bruder" (Jer 31,31-34). Kinder bringen dieser Gemeinschaft die Früchte der Verheißung und des Paradieses.

Mehr als der Tempel (8)

Jesus protestiert gegen den Tempelmarkt. Nach dem Beweis seiner Vollmacht befragt, antwortet er mit einem Rätselwort: "Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten". Die Juden denken an den steinernen Tempel - Jesus an den "Tempel des eigenen Leibes". Der Maler begreift "Tempel" als biblisches Bildwort für Gemeinde. Eine Anfrage an jeden von uns, ob nicht "Steine" und "Sachen" allzu oft mehr gelten als das, was "im Innern des Menschen" ist?

Orientierungslos (7)

Der Künstler zeigt die Menschen, die in die Gefangenschaft nach Babel geführt wurden (2 Chr 36,14-16). Die einen sitzen am Fluss und weinen; die Mehrheit arbeitet an diesem turmartigen Berg, der aus dem Wasser ragt. Sie versuchen den Gipfel zu erreichen und benutzen dabei rücksichtslos die Mitmenschen als Trittbretter. J. Chéry will mit dieser von Menschengewimmel geprägten Szene zeigen, wie sehr wir heute dem "babylonischen Größenwahn" huldigen, wo einer gegen den anderen nach oben kommen will. Doch auch hier finden sich helfende Hände, die den Teufelskreis des Bösen durchbrechen wollen.

Zum Aufbau des Hungertuches

Das Misereor-Hungertuch ist geprägt von der Zielsetzung der Misereor-Arbeit und inspiriert von den Bibeltexten der fünf Fastensonntage im Lesejahr B. Der haitianische Künstler Jacques Chéry, als gläubiger Christ vertraut mit den biblischen Szenen, malt die Welt der Bibel in jener lebensnahen Farbigkeit, die von den Menschen Haitis verstanden wird. Er will die Welt von heute, wie sie viele Menschen in Haiti und bei uns zu Lande erfahren und erleiden, mit dem christlichen Glauben konfrontieren und sie im Lichte des Evangeliums begreifen.

 
 
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Last updated 11.01.10